Als Secondo Püschel 1997 starb, hinterliess er ein umfangreiches malerisches Werk, aber auch Zeichnungen und Grafiken, Fotografien, Skizzenbücher, Aufzeichnungen, Bücher und zahlreiche persönliche Gegenstände aus seinem Atelier. Die Secondo-Püschel-Stiftung übernahm die Aufgabe, diesen Nachlass zu sichern, zu ordnen und sein Werk weiterhin öffentlich zugänglich zu machen.
Daraus entwickelte sich eine mehr als zehnjährige Tätigkeit zur Bewahrung und Vermittlung seines künstlerischen Werks.
Ein Auftrag für das Werk
1. Die Stiftung entsteht
Secondo Püschel hatte schon früher den Wunsch geäussert, seinen künstlerischen Nachlass einmal in eine Stiftung einzubringen. Schriftlich festgehalten hatte er diesen Wunsch jedoch nicht.
Als er 1997 schwer erkrankt im Spital Neumünster in Zollikerberg lag, kümmerte sich seine ehemalige Frau Caecilia Püschel um die notwendigen Schritte. Am 5. Februar 1997 hielt eine öffentliche letztwillige Verfügung seinen letzten Willen rechtsgültig fest. Püschel errichtete darin die Secondo-Püschel-Stiftung und bestimmte sie zur Erbin seines Nachlasses.
Püschel gab der Stiftung einen klaren Auftrag: Sie sollte seinen künstlerischen Nachlass ordnen und klassieren, Werkverzeichnisse und Kataloge ermöglichen, Publikationen fördern, Ausstellungen durchführen und die Werke der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie durfte Bilder verkaufen, sofern der Erlös wiederum dem Stiftungszweck diente.
Dem ersten Stiftungsrat gehörten Prof. Dr. Wolfgang Larese sowie zwei Frauen aus Püschels engstem persönlichen Umfeld an: seine ehemalige Frau Caecilia Püschel und seine damalige Partnerin Annalaura Lorenzi. Larese, der die Stiftungsurkunde aufgesetzt hatte, übernahm zunächst das Präsidium. Später übernahm Caecilia Püschel diese Aufgabe. Annalaura Lorenzi schied nach einiger Zeit aus dem Stiftungsrat aus, an ihre Stelle trat 2001 Heinz Kern, der im Bereich Kunst- und Kulturvermittlung tätig war. Wolfgang Larese gehörte dem Stiftungsrat bis zu seinem Tod 2009 an.
Damit waren die Voraussetzungen geschaffen. Wie sich der Auftrag praktisch umsetzen liess, musste sich erst zeigen.
Ordnen, erfassen, dokumentieren
2. Ein Nachlass wird erschlossen
Im Juni 1997 nahm die neu eingerichtete Geschäftsstelle ihre Arbeit auf. Sie suchte geeignete Lagerräume, organisierte die Räumung des Ateliers und begann mit der Inventarisierung. Hinzu kamen Öffentlichkeitsarbeit, Ausstellungen, die Suche nach finanzieller Unterstützung und die Dokumentation von Püschels Werk.
Zum künstlerischen Nachlass gehörten damals rund 430 Bilder. Dazu kamen Grafiken, Zeichnungen sowie zahlreiche persönliche Gegenstände und Dokumente aus dem Atelier.
Im Handelszentrum Wallisellen, kurz HZW, fand sich ein rund 180 Quadratmeter grosser Lagerraum. Ein Schreiner fertigte passende Gestelle für die Bilder an. Für die Werkfotografie richtete man eine grosse weisse Wand ein.
Im August 1997 begann die Inventarisierung. Die Fotografin Barbara Hausammann fotografierte jedes Werk auf der Vorder- und Rückseite. Jedes Bild erhielt eine Inventarnummer. Titel, Entstehungsjahr, Technik, Format sowie Angaben und Vermerke auf der Rückseite wurden direkt im Lager mit einem Laptop in einer Datenbank erfasst. Daraus entstand später das Werkverzeichnis.
Studierende halfen bei dieser aufwändigen Arbeit. Sie trugen die zum Teil sehr grossen Bilder, reinigten sie, versahen sie mit der richtigen Nummer und stellten sie anschliessend wieder korrekt zurück.
Bis zum Sommer 1998 wurde das Atelier an der Südstrasse vollständig geräumt. Neben den Bildern sicherte man Püschels persönlichen Nachlass und seine Arbeitsgeräte. Dazu gehörten sein Fernrohr, der Mischtisch, Werkzeuge, Bücher über Astronomie und zahlreiche Aufzeichnungen.
Das Lager entwickelte sich bald zu mehr als einem Depot. Freunde, Sammler und Interessierte konnten den Nachlass dort besichtigen. Die Stiftung veranstaltete mehrere Lager-Apéros. Der erste Gedenk-Apéro fand bereits am 28. November 1997 statt. Später folgten weitere Veranstaltungen, private Besichtigungen waren ebenfalls möglich. So blieb Püschels Werk präsent und für Interessierte zugänglich.
Bilderlager der Secondo-Püschel-Stiftung im HZW WallisellenArbeitsbereich im HZW
Ausstellungen nach 1997
3. Das Werk wieder sichtbar machen
Ausstellungen bildeten einen wichtigen Teil der Stiftungsarbeit. Sie brachten Püschels Bilder aus dem Lager zurück vor ein Publikum.
Bereits Anfang 1999 zeigte die Paulus-Akademie Zürich-Witikon eine grosse Retrospektive. Die weitläufigen Räume eigneten sich hervorragend für Püschels grösste Bilder. Die Zürcher Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Caroline Kesser hielt an der Vernissage das Einführungsreferat über Püschels Werk.
Die Vernissage fand grossen Anklang und viele Besucher reagierten begeistert. Die Ausstellung war zudem ein Verkaufserfolg. Mehrere grossformatige Werke fanden neue Besitzer.
Weitere Präsentationen folgten. Im Jahr 2000 zeigte das Augencenter an der Nüschelerstrasse in Zürich Püschels Acrylbilder. Die Vernissage fand am 20. September statt, die Bilder blieben bis gegen Ende des Jahres dort.
Zum 70. Geburtstag Püschels folgte 2001 eine grosse Ausstellung in der artefiz Kunsthalle an der Forchstrasse. Unter dem Titel Kosmische Dimensionen präsentierte die Stiftung vom 30. August bis 20. September eine Auswahl seiner Werke. Die grosszügigen Räume gaben den farbintensiven und grossformatigen Bildern genügend Platz und liessen ihre Wirkung besonders gut zur Geltung kommen. An der Vernissage hielt Balz Bächi die Laudatio.
artefiz Kunsthalle Zürich, 2001. Von links: Maria Bernhard, Heinz Kern, Caecilia Püschel und Helena EichenbergerCaecilia Püschel, Präsidentin der Secondo-Püschel-Stiftung in der Ausstellung
2003 waren Werke Püschels über mehrere Monate im Restaurant Au Premier im Zürcher Hauptbahnhof zu sehen. Die Ausstellung endete mit der Finissage am 25. September. Zu den Besuchern gehörte Sven Knebel, Künstler und Mitherausgeber der bedeutenden Zürcher Zeitschrift SPEKTRUM – Vierteljahresschrift für Originalgraphik und Dichtung. Er übergab der Stiftung mehrere Ausgaben, in denen Püschel vertreten war. Eine davon, die Nummer 90 von 1981, zeigt auf dem Umschlag eine Original-Zink-Lithografie Püschels.
Prof. Dr. Wolfgang Larese, Sven Knebel und Helena Eichenberger an der Finissage im Au Premier, 25. September 2003SPEKTRUM Nr. 90, März 1981, mit einer Original-Zink-Lithografie von Secondo Püschel auf dem Umschlag. Sven Knebel brachte das Heft zur Finissage mit und übergab es der Stiftung.
2005 folgte eine Ausstellung im Halterhaus in Fehraltorf, und zwar ausschliesslich mit Werken aus den 1950er und 1960er Jahren. Sie stand unter dem Patronat der Gemeinde. Bei Transport und Aufsicht half der junge Student Hannes Püschel tatkräftig mit. Sein Grossvater Werner war ein Cousin Secondo Püschels und hatte schon zu dessen Lebzeiten regelmässig Vernissagen besucht.
Ausstellung im Halterhaus, Fehraltorf, 2005 – frühe Werke aus den 1950er- und 1960er-JahrenHelena Eichenberger mit Hannes Püschel beim Aufräumen der Ausstellung im Halterhaus, 2005
Ein weiterer Höhepunkt folgte 2006 erneut in der artefiz Kunsthalle. Die Gedenkausstellung Secondo Püschels Farbpalette – Erinnerung zum 75. Geburtstag zeigte noch einmal eindrücklich die Kraft seiner farbigen Bildwelt.
Gleichzeitig gab die Stiftung die schwarze Broschüre heraus: Secondo Püschel 1931–1997, zum 75. Geburtstag. Diese bot einen Querschnitt durch sein Werk, biografische Angaben, historische Fotografien und Texte über den Künstler. Darin erschien Ludmila Vachtovas Text "Räume mit Farbe öffnen"von 1983 in leicht gekürzter Form.
Ausstellung in der artefiz Kunsthalle, Zürich, 2006
Die letzte grosse Ausstellung während der Stiftungszeit fand vom 22. Oktober bis 18. Dezember 2009 wiederum in der Paulus-Akademie statt. Unter dem Titel The Last Show wurden Püschels Gemälde gemeinsam mit Bildern und Objektinstallationen der scheidenden Kuratorin Ursula Baur gezeigt. Für die kunsthistorische Einführung an der Vernissage konnte Dr. Johanna Morel von Schulthess gewonnen werden.
Ausstellung in der Paulus-Akademie, Zürich, 2009Florin Granwehr und Paul Eichenberger an der Vernissage in der Paulus-Akademie, 2009The Last Show in der Paulus-Akademie, Zürich, 2009
Mit den Jahren wurde immer deutlicher, dass die Stiftung ihre Arbeit nicht unbegrenzt fortführen konnte. Das Vermögen nahm ab, während die Fixkosten weiterliefen. Vor allem die Miete des grossen Bilderlagers belastete das Budget.
Hinzu kam, dass die Leiterin der Geschäftsstelle das Pensionsalter erreichte. Einen Künstlernachlass von dieser Grösse weiterhin über Jahre zu betreuen, war weder finanziell noch personell realistisch.
Damit rückte eine schwierige Frage in den Mittelpunkt: Was sollte mit dem noch grossen Bilderbestand geschehen?
Eine Auktion mit Hunderten von Werken kam nicht infrage. Eine Entsorgung wollte man möglichst vermeiden. Der Auktionator Germann warnte ausdrücklich davor, Bilder vorschnell zu vernichten. Die Beurteilung eines Künstlers könne sich verändern, und Püschels Werke könnten später wieder ganz anders bewertet werden.
Die Stiftung suchte deshalb gezielt Käufer, die grössere Gruppen von Bildern übernehmen wollten. Wer mindestens zehn Werke kaufte, erhielt sie zu besonderen Konditionen. Zu diesen Käufern gehörten unter anderem der Sammler Jean-Pierre Gysel sowie die Galeristen Elfi Bohrer und Werner Bommer.
Anfang 2010 war der Bestand bereits deutlich kleiner geworden, doch noch immer waren zahlreiche Werke vorhanden. Für den grossen verbleibenden Rest brauchte es eine Lösung.
Da erklärte sich schliesslich Paul Eichenberger bereit, diesen Bestand zu den gleichen Bedingungen wie die anderen grösseren Käufer zu übernehmen. Damit konnte die Stiftung ihren Auftrag abschliessen, ohne dass viele der verbliebenen Bilder entsorgt werden mussten.
Gut 200 Werke blieben auf diese Weise erhalten. Nur einige wenige alte und stark beschädigte Bilder wurden entsorgt.
Gegenstände aus Secondo Püschels Atelier im Bilderlager der Stiftung
Nachdem der Werkbestand verkauft beziehungsweise übernommen worden war, konnte die Stiftung die Auflösung in Angriff nehmen.
Helena Eichenberger beim Räumen und Sortieren des Bilderlagers in der Endphase der StiftungEin Auftrag ist erfüllt
5. Das Ende der Stiftung
Rechtsanwalt Herbert Pfortmüller begleitete die Auflösung der Stiftung mit grossem persönlichem Engagement. Im Herbst 2010 stellte die Stiftung beim Bezirksrat Zürich den Antrag auf Auflösung.
Herbert Pfortmüller und Helena Eichenberger im Bilderlager
Ein wichtiger Teil der geleisteten Dokumentationsarbeit sollte dauerhaft erhalten bleiben. Deshalb übergab die Stiftung dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK unter anderem das digitalisierte Werkverzeichnis, umfangreiche digitale Werkfotografien, Bilderlisten, Fotografien von Werken in Privatbesitz, Grafiken und Zeichnungen sowie den Fernsehbeitrag des Schweizer Fernsehens von 1996.
Das nach Abschluss der Liquidation verbliebene Stiftungsvermögen ging ebenfalls an das SIK. Dies entsprach der Stiftungsurkunde, die für eine spätere Auflösung ausdrücklich vorsah, das Restvermögen einer Institution mit gleicher oder ähnlicher Zielsetzung zu übertragen.
Übergabe der letzten Akten an das SIK. Von links: ein Mitarbeiter des SIK, Michael Schmid, Leiter Dokumentation und Nachlass-Archiv, Caecilia Püschel und Paul Eichenberger
Im Sommer 2011 informierte die Stiftung Freunde und Interessierte über ihren Abschluss. Nach mehr als zehn Jahren waren Püschels künstlerischer Nachlass erfasst und dokumentiert, zahlreiche Werke ausgestellt und viele Bilder in neue Hände gelangt.
Am 18. August 2011 trafen sich die wichtigsten Beteiligten zu einem letzten gemeinsamen Essen in der Zürcher Kronenhalle: Caecilia Püschel, Helen Eichenberger, Herbert Pfortmüller, Heinz Kern und Paul Eichenberger. Der Ort war nicht zufällig gewählt: Secondo Püschel war selbst immer wieder gerne dort zu Gast gewesen.
Abschlussessen in der Zürcher Kronenhalle, 18. August 2011. Von links: Caecilia Püschel, Helena Eichenberger, Herbert Pfortmüller, Heinz Kern und Paul EichenbergerBewahren und weiterforschen
6. Was geblieben ist
Mit der Auflösung der Stiftung und der Übergabe von Akten ans SIK war der Nachlass jedoch noch nicht vollständig erschlossen.
Beim endgültigen Räumen des Lagers fanden sich zahlreiche Schachteln mit Fotografien, Dias, Büchern, Briefen, persönlichen Aufzeichnungen und weiterem Material. Dazu kamen Grafiken, viele davon beschädigt. Für eine vollständige Sichtung des restlichen Materials fehlten damals Zeit und Möglichkeiten. Deshalb wurde es vorläufig sicher eingelagert.
Später kamen bei einer erneuten Durchsicht einzelner Bestände
überraschende Stücke zum Vorschein: signierte Arbeiten auf Papier und Aquarelle, aber auch handschriftliche Blätter, auf denen Püschel mögliche Bezeichnungen für seine Bilder entwickelte.
Mischtechnik auf Papier, 1987
Diese Aufzeichnungen geben einen seltenen Einblick in seine Arbeitsweise. Püschel variierte Begriffe rund um Raum, Spektren, Gravitation und Plasma, verwarf sie und setzte sie neu zusammen. Auf einem Blatt ist beispielsweise «Chromoplasmat» eingekreist, ein Begriff, der später zum Titel eines Gemäldes wurde. Auf einem anderen notierte er ausdrücklich, es gehe nicht einfach um einen «Bildtitel», sondern um eine Bildbezeichnung, die etwas vom Rauminhalt des Bildes und vom gedanklichen Malprozess erfassen sollte. Diverse Terminkalender Püschels sind ebenfalls erhalten. Was sich darüber hinaus im bisher nicht erschlossenen Material verbirgt, ist noch offen.
Nach der Stiftung
Das Ende der Stiftung bedeutete nicht, dass Püschels Bilder aus der Öffentlichkeit verschwanden.
Die Galeristin Elfi Bohrer hätte Püschel bereits zu seinen Lebzeiten gerne betreut. Er lehnte jedoch aus Loyalität gegenüber seinem Galeristen Werner Frei ab. Bei der Auflösung der Stiftung gehörte Elfi Bohrer dann zu den Käuferinnen eines grösseren Werkbestands.
2015 stellte sie in ihrer Galerie eine grössere Auswahl von Püschels Werken aus und ergänzte sie mit weiteren Bildern aus dem Bestand von Paul Eichenberger. Sie präsentierte Püschels Arbeiten zusammen mit Werken von Carl Liner und der Glaskünstlerin Elia Häberlin.
Elfi Bohrer vor einem Werk von Secondo Püschel
So setzte sich die Vermittlung von Püschels Werk fort, obwohl die Stiftung selbst nicht mehr bestand.
Das Werk wird weiter erforscht
Einen wichtigen Beitrag zur heutigen Auseinandersetzung mit Secondo Püschels Werk leistet die 2025 geschriebene Masterarbeit von Nadja Häfner. Die umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung erschliesst sein Schaffen, ordnet es kunsthistorisch ein und macht seine künstlerische Entwicklung differenziert nachvollziehbar.
Die Bewahrung des Nachlasses war damit kein Abschluss, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Secondo Püschels Werk weiter betrachtet, erforscht und neu entdeckt werden kann.