SECONDO PÜSCHEL

WerkeEine künstlerische Entwicklung

Bereits in den frühen gegenständlichen Werken sucht Secondo Püschel weniger das Abbild der Wirklichkeit als deren innere Ordnung. Daraus entwickelt sich später seine abstrakte Bildsprache.

Werkphase I · 1950er- bis frühe 1960er-Jahre

Die sichtbare Weltals Ausgangspunkt

Ausgewählte frühe Werke zeigen den Beginn einer Entwicklung, in der sich Gegenstand, Farbe und Bildstruktur zunehmend voneinander lösen.

Porto Santo Stefano, 1954, von Secondo Püschel

Porto Santo Stefano

1954

Öl auf Leinwand
81 × 65 cm

Gedanken zum Bild

Jeder Ort besitzt seinen eigenen Rhythmus – der Maler macht ihn sichtbar.

1954 reiste der junge Secondo Püschel dank eines Studienbeitrags der Stadt Zürich erstmals nach Italien. Das Hafenstädtchen Porto Santo Stefano inspirierte ihn zu einer Reihe von Bildern, in denen Häuser, Wasser und Landschaft zu ruhigen Farbflächen zusammenfinden. Die südliche Architektur wird nicht detailgetreu wiedergegeben, sondern zu einer harmonischen Gesamtkomposition verdichtet.

Einordnung

Dieses frühe Italienbild zeigt bereits Püschels aussergewöhnliches Gespür für Komposition und Ordnung. Die Reduktion auf grosse Farbflächen zeigt, dass Püschel Architektur nicht nur als Häuser, sondern als harmonisches Zusammenspiel von Formen und Flächen versteht.

Winterlicher Strauch, 1955/56, von Secondo Püschel

Winterlicher Strauch

1955/56

Öl auf Leinwand
81 × 54 cm

Gedanken zum Bild

Selbst im winterlichen Schweigen bleibt die Natur voller Bewegung.

Feine weisse Stängel breiten sich fächerförmig über die Bildfläche aus und verleihen dem Strauch eine überraschende Leichtigkeit. Zwischen den feinen weissen Stängeln setzen kleine rötlich verdorrte Pflanzenköpfe warme Farbakzente. Im unteren Bildbereich erinnern türkisfarbene Flächen an Wasser oder Eis und setzen einen kühlen Gegenpol. Ein einzelner gelber Stängel zieht den Blick nach oben, wo dunkle Baumsilhouetten fast wie Kakteen in den Winterhimmel ragen. Aus diesen einfachen Naturelementen entsteht eine lebendige Komposition, die den Blick immer wieder über das Bild wandern lässt.

Einordnung

In diesem Naturmotiv entdeckt Püschel bereits jene Gesetzmässigkeiten, die sein späteres Schaffen prägen. Linien, Verzweigungen und Bewegungen gewinnen gegenüber der blossen Darstellung an Bedeutung und weisen auf den Übergang zur freien Formensprache hin.

Fischer im Winter, 1956, von Secondo Püschel

Fischer im Winter

1956

Öl auf Leinwand
91 × 65 cm

Gedanken zum Bild

Der Mensch lebt vom Meer – und zugleich ist er den Kräften der Natur ausgeliefert.

Oben links hält eine grosse, schwielige Fischerhand die Schnur, an der mehrere schwere Fische hängen. Sie fallen seitlich am Rücken des Fischers herab; ihre langgestreckten Körper mit Flossen und Schwänzen bilden das eigentliche Zentrum der Komposition. Mensch und Fang verschmelzen beinahe zu einer einzigen schweren Form – die Last der täglichen Arbeit wird unmittelbar sichtbar.

Senkrechte Formen prägen den Bildaufbau: die stehenden Fischer, die hängenden Fische und die hohen Stiefel. Die ungewöhnliche Froschperspektive verstärkt diesen Eindruck und verleiht den Figuren eine kraftvolle Präsenz. Kühles Blau, Grau und Weiss prägen die winterliche Landschaft und lassen die Kälte förmlich spürbar werden. Trotz der Entbehrungen strahlt das Bild Ruhe, Würde und Konzentration aus.

Einordnung

Dieses frühe Gemälde zeigt bereits Püschels Gespür für eine klare, verdichtete Bildkomposition. Die ungewöhnliche Perspektive verleiht dem Motiv besondere Kraft und Monumentalität. Formen und Farben werden vereinfacht und gewinnen gegenüber einer rein naturgetreuen Wiedergabe zunehmend an Bedeutung.

Stillleben, 1956, von Secondo Püschel

Stillleben

1956

Öl auf Leinwand
81 × 60 cm

Gedanken zum Bild

Auch die Stille besitzt ihre eigene Ordnung.

Mehrere Flaschen und Gefässe stehen ruhig auf einem Tisch. Die hohe grüne Flasche links, die blaue Flasche in der Mitte und die braune Apothekerflasche rechts geben der Komposition Halt. Dazwischen setzt eine weisse Schale einen hellen Ruhepunkt, während ein schräg verlaufender gelblicher Stab die vielen senkrechten Formen bewusst durchbricht.

Licht und Schatten gliedern den Raum in grosse helle und dunkle Flächen. Der schwere Holztisch mit seiner warmen rötlich-braunen Farbe und den sorgfältig gearbeiteten Beinen vermittelt Beständigkeit, Behaglichkeit und eine Atmosphäre der Geborgenheit. Die einzelnen Gegenstände wirken nicht für sich allein, sondern entfalten ihre Wirkung im Zusammenspiel. So entsteht aus einfachen Alltagsgegenständen eine stille, ausgewogene Komposition.

Einordnung

Dieses Stillleben zeigt bereits Püschels Gespür für Reduktion und Ordnung. Die Gegenstände verlieren ihre bloss erzählerische Bedeutung und werden Teil eines sorgfältig aufgebauten Zusammenspiels von Formen, Flächen und Farben. Damit schlägt das Bild eine Brücke zwischen der klassischen Stilllebenmalerei und seiner späteren ungegenständlichen Bildsprache.

Werkphase II · 1963–1985

Aufbruch – Experiment – Entdeckung

Mit den 1960er-Jahren beginnt für Secondo Püschel eine neue Schaffensphase. Seine Bilder werden freier, seine Bildsprache eigenständiger. Inspiration findet er in der Natur, in der Astronomie und in den Naturwissenschaften.

Kommen Sie mit auf eine Reise in Secondo Püschels faszinierende Bildwelt.

Chasse gardée, 1963, von Secondo Püschel

Chasse gardée

1963

Öl/Acryl auf Leinwand
102 × 63 cm

Gedanken zum Bild

Dieses Gemälde steht an der Schwelle zu Secondo Püschels neuer Bildwelt.

Die schräg aufragenden Bäume geben der Komposition noch Halt in der sichtbaren Wirklichkeit. Gleichzeitig verwandeln sie sich in freie Farbflächen, Malgesten und rhythmische Bewegungen. Landschaft wird nicht mehr naturgetreu dargestellt, sondern in Farbe und Form übersetzt. So entsteht ein Bild, das weniger einen bestimmten Ort beschreibt als eine innere Atmosphäre des Übergangs.

Der französische Titel «Chasse gardée» («Jagdrevier» oder «geschütztes Gebiet») kann auch als Hinweis auf einen inneren, persönlichen Bildraum verstanden werden.

Einordnung

Als frühes Schlüsselwerk der zweiten Schaffensphase beginnt hier Püschels Weg zu einer eigenständigen Bildwelt. Die sichtbare Natur wird nicht mehr dargestellt, sondern in Farbe, Form und Bewegung übersetzt.

Dämmerzone, 1964, von Secondo Püschel

Dämmerzone

1964

Öl/Acryl auf Leinwand
130 × 114 cm

Gedanken zum Bild

Mit Dämmerzone wird Secondo Püschels neue Bildsprache deutlich sichtbar. Die Landschaft ist noch spürbar, doch sie wird nicht mehr naturgetreu dargestellt.

Ein breites hellblaues Farbband durchzieht das Bild und verbindet die einzelnen Bildelemente. Schräge blaue und rote Linien, leuchtende Farbflächen sowie nur noch angedeutete Häuser verdichten sich zu einer spannungsvollen Komposition. Der grosse blau-violette Bildraum gibt den Farben Tiefe und lässt die Landschaft zunehmend in den Hintergrund treten.

Die sichtbare Wirklichkeit wird nicht mehr festgehalten, sondern in eine freie Komposition überführt. Nadia Häfner bezeichnet Dämmerzone als Schlüsselwerk dieser Entwicklung. Denn es zeigt, wie Püschel die Landschaft Schritt für Schritt in eine eigenständige Bildsprache überführt.

Einordnung

Es ist ein entscheidendes Werk in Secondo Püschels Entwicklung. Hier vollzieht sich der Übergang von der gegenständlichen Malerei zu einer Bildwelt, in der Farbe, Raum und Bewegung die eigentlichen Träger des Ausdrucks werden. Damit eröffnet das Gemälde die zweite Werkphase und weist bereits auf die späteren kosmischen Werke hin.

Sphärischer Schirm (Radialgeschwindigkeit), 1971, von Secondo Püschel

Sphärischer Schirm (Radialgeschwindigkeit)

1971

Acryl, Dispersion und Öl auf Plexiglasschale
Ø 117 cm

Gedanken zum Bild

Die tiefe Plexiglasschale wird selbst zum Bildträger. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall verändert sich ihre Wirkung – das Werk erscheint nicht mehr als flaches Gemälde, sondern als räumliches Objekt.

Im dunkelblauen Bildraum scheinen farbige Linien, geometrische Zeichen und leuchtende Farbformen frei zu schweben. Eine kleine orange Kugel, offene Dreiecke und Rechtecke, geschwungene Linien sowie helle Pinselspuren treten miteinander in Beziehung, ohne einem festen Mittelpunkt zu folgen. Der kräftig bemalte Rand der Schale umschliesst das Geschehen wie eine eigene Sphäre und verstärkt den Eindruck von Tiefe und Bewegung.

Astronomische Beobachtungen und naturwissenschaftliche Fragestellungen inspirierten Secondo Püschel, ohne dass er konkrete wissenschaftliche Vorgänge darstellen wollte. So entsteht eine Bildwelt, die den Blick weit über das Sichtbare hinausführt.

Einordnung

Mit diesem Werk überschreitet Secondo Püschel die Grenzen der traditionellen Leinwand. Die Plexiglasschale wird selbst Teil des Kunstwerks und eröffnet neue Möglichkeiten der räumlichen Darstellung. Wie Willy Rotzler bereits 1972 festhielt, verschmelzen Malerei und Raum zu einer neuen Bildwirklichkeit. Der Sphärische Schirm gehört zu den eindrucksvollsten Experimenten der zweiten Werkphase und weist bereits auf Püschels spätere kosmische Bildwelt voraus.

Seitenansicht des Sphärischen Schirms
Die tiefe Plexiglasschale verleiht dem Werk seine räumliche Wirkung.
Einbruch in Milchstrassenarm, 1974, von Secondo Püschel

Einbruch in Milchstrassenarm

1974

Acryl auf Leinwand
82 × 82 cm

Gedanken zum Bild

Der Titel lässt an einen plötzlichen Einbruch in den Kosmos denken. Die Komposition vermittelt den Eindruck einer Erschütterung, in der Farben und Formen aufeinandertreffen, sich überlagern und neue Bewegungen auslösen.

Ein breites leuchtend rotes Band durchbricht den Bildraum und trifft auf kräftige blaue, schwarze und weisse Farbflächen. Eine geschwungene gelbe Linie zieht sich über die linke Bildseite, während kreisförmige und schwebende Formen den Eindruck von Bewegung und räumlicher Tiefe verstärken. Nichts wirkt statisch – alles scheint in Veränderung begriffen zu sein.

Einordnung

Einbruch in Milchstrassenarm gehört zu den eindrucksvollsten Werken der mittleren Schaffensphase. Wissenschaftliche Neugier und künstlerische Freiheit verbinden sich hier zu einer eigenständigen Bildwelt, die bereits auf Püschels spätere Raum- und Kosmosbilder vorausweist.

Horizontfrage, 1977, von Secondo Püschel

Horizontfrage

1977

Acryl auf Spanplatte
100 × 100 cm

Gedanken zum Bild

Der Horizont erscheint hier nicht als Landschaftslinie, sondern als gedanklicher Raum. Er trennt nicht nur – er verbindet zugleich unterschiedliche Ebenen und öffnet den Blick in neue Räume.

Ein breites dunkelblaues Band zieht sich diagonal durch das Bild und bestimmt die gesamte Komposition. Darüber und darunter stehen grosse helle Farbflächen, Kreise und ovale Formen in einem ausgewogenen Spannungsverhältnis. Die kräftigen Horizontalen werden von feinen Linien und schwebenden Farbakzenten durchbrochen. Trotz der klaren Ordnung bleibt das Bild in Bewegung und lädt den Blick ein, immer neue Beziehungen zwischen den Formen zu entdecken.

Einordnung

Horizontfrage zeigt einen weiteren Schritt in Secondo Püschels künstlerischer Entwicklung. Nach den dynamischen Werken der frühen 1970er-Jahre rücken nun Ordnung, Balance und räumliche Weite stärker in den Mittelpunkt. Das Gemälde bereitet den Übergang zu den grossen Raumkompositionen der frühen 1980er-Jahre vor.

Präkomponierte Wasser, 1979, von Secondo Püschel

Präkomponierte Wasser

1979

Acryl auf Leinwand
19 × 24 cm

Gedanken zum Bild

Dieses kleine Gemälde entfaltet eine überraschende räumliche Wirkung. Es wirkt wie ein Blick auf eine Welt, in der Formen, Farben und Zeichen einer verborgenen Ordnung folgen.

Im Zentrum steht ein sechseckiges Zeichen, das den Blick auf sich zieht. Darin wiederholen sich geometrische Formen wie in einer Folge von Spiegelungen. Kreisformen, kräftige Farbflächen und geschwungene Linien treten in einen spannungsvollen Dialog. Rosa, Blau, Orange und Schwarz setzen leuchtende Akzente vor einem ruhig aufgebauten Bildraum. So entsteht eine überraschende Tiefe, die den Blick immer wieder neu durch das Bild führt.

Einordnung

Mit Präkomponierte Wasser verdichtet Secondo Püschel Naturbeobachtung, astronomische Anregungen und abstrakte Malerei zu einer konzentrierten Bildform. Im kleinen Format bündelt er Fragen nach Raum, Bewegung und verborgenen Strukturen, die später seine grossen Raumkompositionen der frühen 1980er-Jahre weiterführen.

Überkriechen, 1980, von Secondo Püschel

Überkriechen

1980

Acryl auf Leinwand
100 × 81 cm

Gedanken zum Bild

Der ungewöhnliche Titel beschreibt keinen Gegenstand, sondern einen Vorgang. Etwas überschreitet, überzieht oder durchdringt den Bildraum und verändert ihn Schritt für Schritt.

Grosse helle Flächen bestimmen die Komposition und verleihen dem Bild eine ungewohnte Ruhe. Ein räumliches Bienenkorbgebilde bildet den visuellen Schwerpunkt. Transparente geometrische Formen, feine Linien und wenige farbige Akzente durchdringen den Bildraum und schaffen ein ausgewogenes Spannungsverhältnis. Zarte Blau-, Violett-, Gelb-, Orange- und Grüntöne verleihen dem Bild Leichtigkeit und lassen die Formen beinahe im Raum schweben.

Einordnung

Überkriechen bildet ein wichtiges Übergangswerk innerhalb der zweiten Schaffensphase. Die kosmischen Anregungen bleiben spürbar, treten jedoch hinter einer ruhigeren und klareren Bildordnung zurück. Damit bereitet das Gemälde die grossen Raumkompositionen der frühen 1980er-Jahre vor, darunter Rotverschiebung und erstes Vorkommen hinter Grenzen und Spiralebene.

Rotverschiebung und erstes Vorkommen hinter Grenzen, 1982, von Secondo Püschel

Rotverschiebung und erstes Vorkommen hinter Grenzen

1982

Acryl auf Leinwand
190 × 162 cm

Gedanken zum Bild

Der Titel greift einen astronomischen Begriff auf und öffnet den Blick auf eine Welt jenseits des unmittelbar Sichtbaren. Raum, Entfernung und das Überschreiten von Grenzen werden hier zu einer eigenständigen malerischen Vision.

Breite horizontale Farbbänder ziehen sich über die gesamte Bildfläche und gliedern die Komposition. Dahinter treten grosse kreisförmige, an Honigwaben erinnernde Strukturen hervor und erzeugen eine zweite räumliche Ebene. Dunkle Blautöne werden von leuchtenden Gelb-, Orange-, Rosa- und Violetttönen durchbrochen. Die Überlagerung von Linien, Kreisen und Farbbändern vermittelt den Eindruck von Tiefe und ständiger Bewegung.

Einordnung

Nadia Häfner bezeichnet dieses grossformatige Werk als eine bedeutende Station in Secondo Püschels Entwicklung zur eigenständigen kosmischen Bildwelt. Die Präsentation an der ART Basel 1983 unterstreicht seine besondere Stellung innerhalb der zweiten Werkphase. Zugleich weist es bereits auf die monumentalen Raumkompositionen hin, welche die Stilfestigungsphase ab 1986 prägen.

Spiralebene, 1982, von Secondo Püschel

Spiralebene

1982

Acryl auf Leinwand
116 × 100 cm

Gedanken zum Bild

Die Spirale wird zum Sinnbild einer Bewegung, die keinen Anfang und kein Ende kennt. Sie führt den Blick nach innen und zugleich wieder nach aussen – als Ausdruck eines sich ständig wandelnden Raumes.

Eine grosse Spiralform bestimmt die gesamte Komposition und zieht den Blick in das Bildzentrum. Dort scheinen kreisförmige, planetenartige Formen miteinander in Beziehung zu treten. Kräftige Rot-, Violett- und Blautöne werden von hellen Linien und leuchtenden Farbakzenten durchzogen. Die fliessenden Bewegungen verleihen dem Bild Tiefe und lassen den Raum in stetiger Drehung erscheinen.

Einordnung

Spiralebene markiert innerhalb der zweiten Werkphase einen wichtigen Übergang. Die kosmischen Anregungen bleiben spürbar, treten jedoch hinter eine klarere räumliche Ordnung zurück. Das Werk verbindet die experimentellen Arbeiten der 1970er-Jahre mit den grossformatigen Raumkompositionen der folgenden Jahre und gehört damit zu den Schlüsselwerken auf dem Weg zu Secondo Püschels späterer Stilfestigung.

Überströmen(d), 1984, von Secondo Püschel

Überströmen(d)

1984

Acryl auf Leinwand
190 × 170 cm

Gedanken zum Bild

Der ungewöhnliche Titel beschreibt einen fortdauernden Vorgang. Formen, Farben und Raum gehen fliessend ineinander über und schaffen den Eindruck eines ununterbrochenen Strömens.

Vor einem tiefblauen Bildraum öffnet sich im oberen Bildteil eine helle, trichterartige Form, aus der sich ein breiter Lichtstrom nach unten entwickelt. Er verbindet den oberen mit dem unteren Bildraum und wird von kräftigen Rot-, Rosa-, Violett- und Blautönen sowie geometrischen Formen und feinen Linien begleitet. Nichts wirkt abgeschlossen – alle Bildelemente scheinen miteinander verbunden zu sein und sich gegenseitig zu durchdringen. So entsteht der Eindruck eines Bildraums, der ständig in Bewegung bleibt.

Einordnung

Mit Überströmen(d) erreicht die zweite Werkphase ihren Abschluss. Die experimentelle Suche der 1960er- und 1970er-Jahre ist hier einer souveränen und klar gegliederten Bildsprache gewichen. Raum, Bewegung und Farbe bilden eine ausgewogene Einheit. Zugleich weist das Werk bereits auf die grossen Raumkompositionen der folgenden Jahre voraus.

Werkphase III · 1986–1997

Raum – Kosmos – Grenzenlosigkeit

In seinen letzten Schaffensjahren findet Secondo Püschel zu einer Bildsprache von grosser Ruhe und Klarheit.

Farben, Linien und schwebende Formen öffnen Bildräume, die an Licht, Weite und kosmische Zusammenhänge erinnern.

Seine Bilder erzählen keine Geschichten – sie laden dazu ein, Raum, Bewegung und Grenzenlosigkeit immer wieder neu zu entdecken.

Grundreflexion

Grundreflexion

1986

190 × 170 cm · Acryl auf Leinwand

Gedanken zum Bild

Bekannte Formen finden zu einer neuen Ruhe.

Ein weiter, hellblauer Bildraum öffnet sich beinahe grenzenlos. Im unteren Bereich liegen zwei grosse, dunkelblaue Körper schräg übereinander. Rechts greift eine kräftige rot-orange Winkelform in den Raum, während sich darüber ein fast durchsichtiger heller Bogen spannt. Er erinnert an das markante Band in Einbruch in Milchstrassenarm, wirkt hier jedoch leichter und freier.

Einordnung

Wer dieses Bild mit den Werken der vorangegangenen Jahre vergleicht, erkennt einen Wandel. Die vertrauten Bildelemente sind noch vorhanden, wirken nun aber offener, ruhiger und klarer. Nicht mehr das Experiment steht im Vordergrund, sondern die Konzentration auf Raum, Licht und Ausgewogenheit. Grundreflexion eröffnet damit jene Werkphase, in der Secondo Püschel seine Bildsprache zu einer aussergewöhnlichen Reife führt.

Farb-Raumträgerstruktur

Farb-Raumträgerstruktur

1988

190 × 170 cm · Acryl auf Leinwand

Gedanken zum Bild

Ein rätselhaftes Gebilde scheint schwerelos durch den Raum zu treiben.

Über den hellblauen Bildraum spannt sich ein lockeres Geflecht aus hellorangefarbenen Streben. Es wirkt wie ein fragiles räumliches Gerüst, vielleicht das Fragment eines Satelliten oder eines unbekannten Körpers im All. Dazwischen schweben kleinere Farbkörper. Zwei lange blaue Linien durchziehen fast die gesamte Bildbreite und geben der schwebenden Konstruktion Halt.

Einordnung

Der Titel Farb-Raumträgerstruktur wird beinahe zum Programm: Farbe schafft Raum. Nadia Häfner beschreibt das Gebilde treffend als «sehr plastisch und schwebend». Farbe, Raum und Schwerelosigkeit verbinden sich.

Chromoplasmat

Chromoplasmat

1989/91

190 × 170 cm · Acryl auf Leinwand

Gedanken zum Bild

Ein Bild wie unter Strom – leuchtend, fremdartig, voller Energie.

Leuchtendes Gelb trifft auf Rot, Rosa, Orange, Blau, Grün und Violett. Fliessende Farben verdichten sich zu rätselhaften Körpern, lösen sich wieder und scheinen durch den Bildraum zu treiben. Die dunklen Seitenbalken begrenzen diese bewegte, leuchtende Welt.

Der Titel Chromoplasmat bringt es auf den Punkt: Chroma steht für Farbe, Plasma für etwas Fliessendes, Formbares.

Einordnung

Farbe wird hier zu Licht, Bewegung und Energie.

Raumlichtsammler

Raumlichtsammler

1990/91

190 × 170 cm · Acryl auf Leinwand

Gedanken zum Bild

Als könnte man Licht einfangen und im Raum festhalten.

Der Blick fällt zuerst auf das grosse, gekippte hellgrüne Quadrat. Es schwebt mitten im Bild wie ein Fenster oder ein Lichtfänger. In seinem grauen Innern blitzen weisse Stellen auf. Ringsum öffnet sich ein weiter hellblauer Raum. Am rechten Rand verdichten sich Rot, Orange und tiefes Blau, während kleinere Farbkörper frei durch die Fläche treiben.

Der Titel Raumlichtsammler lässt an ein astronomisches Instrument denken, das Licht aus der Ferne einfängt und bündelt. Vielleicht ist dieses rätselhafte Quadrat tatsächlich der „Sammler“ des Bildes.

Einordnung

Aus wenigen Formen wird ein stiller, schwebender Kosmos voller Leuchtkraft.

Durch Begegnung veränderlich

Durch Begegnung veränderlich

1992

190 × 170 cm · Acryl auf Leinwand

Gedanken zum Bild

Zwei gewaltige Himmelskörper scheinen sich zu begegnen. Ihre Kreisformen überschneiden sich, als würden sie im Vorüberziehen aufeinandertreffen. Dazwischen treiben Farbspuren und kleine Formen durch das All.

Der dunkelblaue Bogen beherrscht das Bild. Helle Flächen öffnen den Raum und führen den Blick ins Unendliche. Farbige Linien und Teilchen scheinen darin zu schweben. Die beiden grossen Formen kreuzen sich ungefähr in der Bildmitte – genau dort geschieht die «Begegnung».

Einordnung

Was sich durch die Begegnung verändert, lässt Püschel offen. Gerade darin liegt die Spannung des Titels.

Streifläufer

Streifläufer

1994

190 × 170 cm · Acryl auf Leinwand

Gedanken zum Bild

Eine mächtige blaue Form zieht durch das Bild. Darüber öffnet sich eine lichte, fast schwerelose Weite. Der Streifläufer scheint durch einen grenzenlosen Raum zu ziehen.

Tiefe Blautöne treffen auf helle Pastellfarben. Geschwungene Farbstreifen ziehen quer durch das Bild. Oben rechts schwebt eine rätselhafte grüne Form schwerelos im hellen Feld. Kleine Farbzeichen tauchen auf und verschwinden wieder.

Einordnung

Kosmische Weite verbindet sich mit rhythmischer Farbenergie. Formen und Farbbahnen streifen einander, gleiten vorbei und ziehen weiter.